Tag 30

In der Nacht kam niemand. Allerdings war jedes Geräusch potentielle Gefahr; mein Adrenalinspiegel irgendwo weit, weit oben. Irgendwann kamen auch Stimmen herüber geweht und ich befürchtete Schlimmes. In dem Gruppenraum war nämlich Deko in Deutschland-Farben und ein Fernseher, was auf kürzliche WM-Party schließen ließ. Nun dachte ich schon, dass das erste Halbfinale dort geschaut wird! Natürlich war Leon aufgedreht und laut. Klar, wenn man irgendwo nicht sein sollte, dreht das Kind auf, wie sollte es auch anders sein. Zudem macht er momentan eh eher das Gegenteil von dem worum ich ihn bitte. Als er Pipi machen musste linste ich rüber zu dem Gruppenraum, aber alles war dunkel. Sicherlich kamen die Geräusche vom Zeltplatz geflogen, der Sturm war ja noch am fegen.

 

Der Schreck kam dann am Morgen. Es polterte! Auf dem Gelände stand eine Schubkarre aus Plastik und diese hätte es sein können. Die stand aber noch und es polterte weiter und es kam definitiv von dem Gelände! Schnell packte ich das Bettzeug ein, legte die Isomatten zurück auf den Stapel, schob das Rad raus, setzte Leon drauf und fuhr einfach. Schnell raus!

 

Dann sah ich allerdings, was da polterte: Die ReFood-Tonnen wurden abgeholt...

 

Egal, einfach raus und nicht zurück schauen.

 

Immerhin hatte ich in der Zeit, in der ich schon wach war und Leon noch schlief, noch die Möglichkeit endlich mal unsere durchfahrenen Städte auf das Plakat zu schreiben. Somit ist nun nicht mehr Dessau unser letzter Punkt.

 

 

 

Auf dem Deich haben wir an einer Bank erstmal gefrühstückt, danach habe ich noch Fotos von „unserem“ Camp gemacht und dann ging es weiter nach Dahme, wo Leon nicht an dem Spielplatz vorbei konnte und wir einige Zeit dort festsaßen. Leon wollte auf jedes Boot und in jedes kleine Ferienhäuschen. Das alles mit seinem wehen Zeh. Und dann wollte er noch auf den Turm mit der Rutsche! Raufkommen war kein Problem, nur das Runterkommen war eins. Rutschen mag Leon nicht, das ist ihm zu schnell und diese wäre wirklich sehr schnell gewesen. Über das obere Netz traute er sich ebenso nicht herunter. Ein älterer Junge wollte ihm helfen aber er ließ sich nicht helfen. Es half nur, dass ich den schmalen, flachen Weg hochkletterte, ihn herunter nahm und dann ging er diesen Weg alleine. Das war ein engmaschigeres Netz, da traute er sich alleine. Und dann gab es noch eine Wasserschraube, leider, oder zum Glück, ohne Wasser. Dennoch klebte Leon dort regelrecht. Irgendwann, als ich schon einige Male gegangen war und es ihn nicht interessierte, holte ich ihn ab. Ich mag das so nicht, aber wir, Onyx und ich, wollten auch weiter.

 

 

 

Den nächsten Stop gab es vor Kellenhusen. Ich wollte, dass Leon mal ins Wasser geht mit seinem Zeh. Hier gab es ein Reststück Strand mit Buhnen. Allerdings war Onyx der einzige, der ins Waser ging, denn Leon ließ viel lieber den Sand zwischen den Holzbuhnen hindurchrieseln. Natürlich für lange Zeit und er war wieder kaum wegzubekommen. Diesmal ging es aber nach einer Weile ohne Geschrei.

 

 

 

Weiter ging es allerdings nur schwer, denn der Wind kam von vorne und alles war schwer. Der Radweg verlief über einen Sandweg auf dem Deich mit entsprechend viel Wind. Nachdem wir kurz hinter Kellenhusen gegessen hatten, schlief Leon im Hänger ein. So war es allerdings irgendwie noch schwerer.

 

 

 

Dennoch, wir kamen bis nach Grömitz. Hier lud ich erstmal die letzten Tage des Blogs hoch und musste dann auf die Toilette, die fand ich bei Sky. Leon schlief noch immer. Ein bisschen was kaufte ich noch ein und bei Aldi noch einmal eine Aufladekarte für den Internetstick. Es war voll und von der Kasse aus sah ich den Wagen. Kurz bevor ich dran war regte sich Leon, er wurde wach. Mist! Ich musste schnell raus. Sagte ihm wo ich bin und ging wieder rein und stellte mich wieder an. Die ganze Zeit beobachtete ich ihn, aber es war OK und ich konnte die „Karte“ kaufen.

 

 

 

Vor dem ersten Besuch bei Aldi sprach mich eine Frau wegen Onyx an. Er sähe genau so aus wie ihrer, der schon verstorben sei, er wäre nur etwas kleiner und noch etwas röter an Nase und Augen gewesen. Sie erzählte mir von dem neuen Hund und, dass er nicht geimpft war, als sie ihn bekam und der Tierarzt dann die Grundimmunisierung machte und nur das Wichtigste wie Tetanus (jedenfalls ging sie davon aus, dass Tetanus geimpft wurde. Im Nachhinein fällt mir ein, dass es ein T für Tollwut war, aber bei Pferden ja Tetanus geimpft wird und sie hat auch ein Pferd...) Ein bisschen klärte ich sie auf und riet zur eigenen Recherche. Ob sie es macht, weiß ich natürlich nicht.

 

 

 

Als wir kurz davor waren, Grömitz zu verlassen stand da am Rand eine große Erdbeere, die zu einem Obsthof gehörte. Leon wollte hier kurz hin und ich wollte auch schauen, was es hier bei dem Hofladen gibt. Es gab viel. Torten, Kuchen, diverses Obst und Gemüse und vor allem diverse Beeren und Kirschen zum selber pflücken. Leon fand einen großen Spielplatz und hatte mächtig viel Spaß. Irgendwie dachte ich, dass wir ja vielleicht hier eine Nacht bleiben könnten und fragte nach. An der Kasse konnten sie mir das nicht sagen und gaben mir die Nummer vom Chef. Ich erklärte ihm, wie wir unterwegs sind und ob es möglich wäre, für eine Nacht zu bleiben. Leider bekam ich gesagt, dass sie das ungern machen. Nun gut, mussten wir halt weiter. Aber vorher wollte ich noch Kirschen pflücken.

Hier hat es uns ziemlich geholfen, dass ich unsere Tour noch ans Rad geschrieben hatte, denn er sah das Rad und suchte mich. Als er mich gefunden hatte fragte er, ob ich DIESES Rad hätte und dass wir doch hinter den Plantagen bleiben könnten, aber mein Rad wohl einen Platten hinten habe. Oh nein! Es war der Hänger! Auf der linken Seite hatte er einen Platten. Der Reifen sah so aus, als hätte ich den Platten schon eine Weile, denn der Reifen war total zerwürgt. Ein Versuch, den Schlauch zu retten, scheiterte kläglich, denn nachdem bereits zwei Flicken drauf waren tauchten immer mehr Löcher auf. Selbst der Rettungsschaum half nichts, er quoll durch die Löcher im Schlauch und durch den Mantel. Als ich die Tube entfernen wollte war der ganze Druck wieder weg. Allerdings sah ich nun auch den Übeltäter: Ein kleiner, aber verhältnismäßig großer spitzer Stein, der alles durchbohrt hatte. Ob das an der Beladung lag? Ich weiß es nicht. Irgendwann hat der sich hineingebohrt und ich bin trotz Platten, mit dem ich einfach nicht gerechnet hatte, weitergefahren. Ich habe ihn nicht mal bei Aldi gesehen, denn da schaute ich die ganze Zeit auf dieses Rad. Doch mein Focus war eindeutig ein anderer. Für mich existierte kein Platten, bis ich drauf angesprochen wurde. Leider hat mich wirklich NIEMAND sonst vorher auf einen Platten aufmerksam gemacht, nicht mal die Radfahrer, die mich überholt hatten, oder die mir entgegen kamen. Einige hatten das Banner erwähnt, mich haben auch welche auf TTIP angesprochen und gefragt ob ich bei den Demos war. Vielleicht hatte ich den Platten da noch nicht? Ich weiß es schlichtweg nicht. Ich weiß nur, dass ich eine Weile mit Platten gefahren bin und nun ein Problem habe!

 

Leider habe ich vor lauter Schreck komplett vergessen, Fotos vom Desaster zu machen und das Steinchen ist weggesprungen.

Miriam und Volker Schneekloth vom Obsthof ( www. http://www.obsthof-schneekloth.de)  sind aber wirklich super lieb. Wir sollten doch lieber das Zelt im Garten aufschlagen, da würden wir unsere Ruhe haben und die Toilette war auch gleich in der Nähe. Wenn nicht schon alle Wohnwägen durch rumänische Studenten bewohnt wären, hätten wir auch einen solchen haben können. Miriams Bruder war auch schon mal mit dem Rad nach Spanien unterwegs und daher konnte sie unsere Lage etwas einschätzen.

Allerdings musste ich nun erstmal schauen, dass ich wenigstens einen Schlauch bekam und fuhr mit Leon und Onyx in die Stadt. Einen richtigen Radladen gibt es hier nicht mehr und diverse Läden, die irgendwie Zubehör für Fahrräder haben, hatten zwar auch Schläuche, aber keine für 20 Zoll-Räder. Die waren entweder gar nicht im Sortiment oder schlichtweg ausverkauft. Dafür habe ich mich noch mit einem Verkäufer von sky-Fernsehen unterhalten und ihm zu verstehen gegeben, warum es bei uns kein Fernsehen gibt. Hat er irgendwann sogar verstanden und wir unterhielten uns über quasi alles, auch das Buch 2020 – die neue Erde und meinen Blog. Er fand das ziemlich toll, dass ich einfach so losgefahren bin und würde auch gerne, aber die Verpflichtungen...

 

 

Nun ging es unverrichteter Dinge zurück. Leon hüpfte mit den Mädchen vom Hof auf dem Trampolin herum und ich konnte in Ruhe das Zelt aufbauen. Leon hüpfte und hüpfte noch danach und hüpfte dann noch mit mir zusammen bis er mal müde war und ich auch was essen wollte. Ein bisschen hat er sogar gegessen, aber nicht viel. Dafür hatte ich eine durchstillte Nacht...

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